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Freiräume an den Grenzen des Klangs - Uraufführung der Oper "Adriana Mater" von Kaija Saariaho im März 2006
by Liisamaija Hautsalo :: 2006
Kaija Saariaho (geb. 1952) ist schon immer kompromisslos gewesen in ihren künstlerischen Entscheidungen beim Komponieren. Dadurch hat sich ihre Musik im Laufe der Jahre zu einer originellen, umfassenden Ausdrucksform samt gut erkennbaren Idiomen herauskristallisiert. Saariahos Musik entsteigen hauchdünne, traumhafte und kristallklare aber auch dunkle, aufreibende und unheimliche Visionen. Zu den Themen ihrer Musik gehören – zusätzlich zu Träumen – Liebe und Tod, Entferntheit und Himmelserscheinungen, sowie Naturerfahrungen und Impulse aus anderen Künsten, z.B. der Literatur.
Auch in ihrer Jugend ist Saariaho sehr an Musik interessiert gewesen. Zur Instrumentenpalette ihrer Kindheit und Jugend gehörten Gitarre, Geige, Klavier und Orgel, aber sie studierte eine Weile auch an der Helsinkier Hochschule für Kunst und Design und der Universität Helsinki, bevor sie sich ganz der Musik widmete. Saariaho gab ihre anderen Studien auf, als sie 1976 an die Sibelius-Akademie wechselte, wo sie bis 1981 Komposition studierte.
Ihr dortiger Lehrer, Paavo Heininen, ist von zentraler Bedeutung gewesen für die Entstehung ihrer Künstleridentität, hauptsächlich indem Saariaho seine modernistische Weltanschauung kennen lernte. Weiterhin bildete ihre Kompositionsklasse eine wichtige Peergroup. Deren Sprachrohr war die Vereinigung „Korvat auki!“ (Ohren auf!), die auch heute noch aktiv ist als avantgardistischer Fürsprecher zeitgenössischer Musik. Zusätzlich zu Saariaho gehörten zu den Gründungsmitgliedern Eero Hämeenniemi, Jouni Kaipainen, Magnus Lindberg, Tapani Länsiö und Esa-Pekka Salonen – heutzutage die sogenannte dritte modernistische Generation in der finnischen Musik.
1981 wechselte Saariaho an die Musikhochschule Freiburg (im Breisgau), wo sie als Schülerin von Brian Ferneyhough und Klaus Huber studierte und 1983 ihr Diplom erhielt. Ihr Interesse an elektronischer Musik führte sie 1981 nach Paris an das Forschungsinstitut für moderne Musik IRCAM (Institut de Recherche et de Coordination Acoustique/Musique). Seit 1982 wohnt Saariaho in Paris.
Klangfarbenzauber
Ein Kennzeichen der Arbeit Saariahos ist der Gebrauch von EDV als Hilfsmittel beim Komponieren. Saariahos Werke reichen von Anwendungen der Spektralanalyse (Lichtbogen, 1985–1986) über Tonbandwerke (Vers le blanc, 1982; Stilleben, 1987–88) bis hin zu Live-Elektronik. Die klanglichen Dimensionen von Instrumenten werden erweitert mit Hilfe von Live-Elektronik in den Cellowerken Petals (1988) und Près (1992–94), dem Stück für Querflöte NoaNoa (1992) und den Schlagzeugkompositionen Six Japanese Gardens (1993/1995) und Trois rivières Delta (2000–01). Das neueste Werk dieser Art ist für Bratsche und Elektronik. Es wird uraufgeführt bei dem Holland Festival im Juni 2006 von Garth Knox, dem es auch gewidmet ist.
Ein zweites wichtiges Element in Saariahos Musik ist Klangfarbe, Timbre, und dessen Veränderungen. Hier steht sie ganz in der Tradition des französischen Timbredenkens, das sich von Gérard Grisey und Tristan Murail bis hin zum Impressionismus des beginnenden 20. Jahrhunderts erstreckt. In Saariahos Händen wird die Farbpalette des Orchesters jedoch bis in klangliche Randgebiete der Musik erweitert. Diese sind zum Beispiel musikalische bzw. akustische Eigenschaften, die man als Texturübergänge folgender Art beschreiben kann: dunkel/hell, rau/glatt, lärmartig/tonartig, locker/dicht.
Ein musikalischer Übergang großen Maßstabs bildet das Diptychon für Orchester Du cristal (1989–1990) und …à la fumée (1990). Hier verändern sich Klangfarben und Harmonien entlang einer imaginären Achse zwischen den beiden Werken. Der Titel „von Kristall zu Rauch“ beschreibt dies mit aus der Physik entnommenen Begriffen der stofflichen Veränderung.
Zu solchen Timbre-Veränderungen können auch Übergänge von Instrumentenklängen oder Gesangstimmen zu synthetischen Klängen, von Gesang zu Sprechen, oder von Klang zu Stille gerechnet werden. Diese Übergangsprozesse erscheinen in allen Werken Saariahos. Der Übergang von Klang zu Stille, das sogenannte Ausblenden als abschließende Struktur eines Werkes oder Abschnitts, ist z.B. geradezu kennzeichnend für Saariaho. So enden beispielsweise das Flötenkonzert Aile de Sogne (2000–01), das Werk für Orchester und Tonband Verblendungen (1982–84) und die Oper L’Amour de loin (1999–2000).
Saariaho hat schon mit vielen Musikgattungen gearbeitet, von Solostücken über große Orchesterwerke und Konzerte bis hin zu Multimedia- und Bühnenwerken, aber sie hat ihre Karriere mit Vokalkompositionen begonnen. Ihr erstes öffentlich aufgeführtes Werk ist Bruden aus dem Jahr 1977 für Sopran, zwei Querflöten und Schlagzeug auf einen Text von Edith Södergran. Saariaho hat während ihrer ganzen Karriere Vokalmusik geschrieben, insgesamt mehr als 30 Gesangstücke. Kennzeichnend für ihre Vokalkompositionen ist, dass diese transparent, instrumental und kammermusikalisch sind. In ihnen zeigt sich auch Saariahos Vorliebe für Frauenstimmen; die meisten Stücke sind für Sopran geschrieben.
Besonders in den frühen Vokalkompositionen besteht das Streben nach nichttraditioneller Stimmerzeugung, und die Musik bekommt eine körperliche Dimension durch u.a. Sprechen, Flüstern, Rufen oder Atmen. So etwa in dem Liederzyklus für zwei Soprane From the Grammar of Dreams (1988) nach Texten von Sylvia Plath. Ab der Mitte der Neunzigerjahre erscheint in Saariahos Vokalkompositionen ein neues, melodisches Element, das der Musik insgesamt ein neues, modales Gepräge gibt.
1995 wurde Château de l’âme (1995) für Sopran, acht Frauenstimmen und Orchester nach alten ägyptischen und indischen Texten uraufgeführt. Es folgte Lonh (1996) für Sopran und Elektronik nach einem Text von Jaufré Rudel. Oltra mar (Across the Sea) – Seven Preludes for the New Millennium (1998–1999) entstand ein Jahr vor der Uraufführung der Oper L’Amour de loin. Es wurde in Auftrag gegeben von dem New York Philharmonic Orchestra für seine Millenniumsfeier und von dem Finnischen Rundfunk.
Saariaho als Opernkomponistin
1984 meinte Kaija Saariaho, dass sie nie eine Oper schreiben werde. Noch kategorischer lehnte sie das Komponieren einer klassischen Sinfonie ab. Eine Sinfonie hat sie immer noch nicht geschrieben, aber eine Oper schon. Im August 2000 wurde ihre erste Oper, L’Amour de loin (1999–2000), bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, und in den folgenden vier Jahren gab es weltweit schon mehrere erfolgreiche Produktionen dieses Werks. Saariahos zweite Oper, Adriana Mater, wird an der Pariser Oper am 30. März 2006 uraufgeführt
Die fünfaktige Oper L’Amour de loin basiert auf einem Libretto Amin Maaloufs. Dies erzählt die Geschichte des Troubadours Jaufré Rudel und einer nicht erfüllten Liebe; stattdessen trennt der Tod die Liebenden. Schon von ihrem Thema her ist die Oper der Tradition verbunden, obwohl diese gleichzeitig erneuert wird; Saariaho bringt modernistische Ausdrucksmittel wie Elektronik und Tonband auf die Opernbühne.
Während die Erstlingsoper übersinnliche Liebe und Tod mit der Dramaturgie einer Legende aus dem 12. Jahrhundert und mit ätherischer Stimmung präsentiert, führt uns Adriana Mater die reale Wirklichkeit und Kriegsschrecken vor Augen. Krieg ist in der Operngeschichte schon reichlich geschildert worden, aber an Adriana ist besonders, dass die Kriegsschrecken aus Frauensicht erzählt werden. Es wird auch die Extremform von Gewalt gegen Frauen präsentiert, Vergewaltigung. Weiterhin wird die Beziehung zwischen der Mutter und dem als Folge der Vergewaltigung geborenen Kind aus der Sicht der ambivalenten Mutter gezeigt.
Während Melodie das zentrale neue Element in Saariahos Werk in den Neunzigerjahren war, ist das neue Element in den ersten Jahren nach 2000 Rhythmik. Dies zeigte sich schon in dem letzten Satz des Orchesterwerks Orion (2002), „Hunter“ (Jäger). In letzter Zeit hat Saariaho auch ihre Genrepalette erweitert, denn bei den Wiener Festwochen im kommenden Herbst wird das Oratorium La Passion de Simone zu hören sein. Dieses aus der Passionstradition schöpfende Werk basiert auf den Schriften und dem Lebenslauf der jüdischen Dissidentin und Philosophin Simone Weil. Das Libretto des Oratoriums ist, wie das der beiden Opern, von Amin Maalouf. Das Oratorium ist ein Auftragswerk von Peter Sellars und dem Wiener Festival New Crowned Hope und ist eine Koproduktion mit dem Lincoln Center for the Performing Arts, dem Barbican Centre und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra.
Saariahos Werke werden z.Z. oft aufgeführt, und manche Veranstaltungen sind ganz ihrer Musik gewidmet. Das Frankfurter Auftakt-Festival z.B. wird ihre Werke im September 2006 ausführlich präsentieren. Dort werden auch die auf dem Material der Adriana Mater basierenden Adriana Songs für Mezzosopran und Orchester uraufgeführt. Das Boston Symphony Orchestra hat ein Cellokonzert von Saariaho in Auftrag gegeben, das 2007 von Saariahos Lieblingscellisten, Anssi Karttunen, gespielt wird.
Für die Berliner Philharmoniker hat Saariaho ein kleines Orchesterstück namens Asteroid 4179: Toutatis geschrieben, das im März 2006 uraufgeführt wird. Von Saariaho haben auch IRCAM, viele international bedeutende Orchester wie die New Yorker oder Londoner Philharmoniker, die BBC und viele finnische Orchester und Institutionen Werke in Auftrag gegeben. Saariaho hat auch mehrere internationale Auszeichnungen und Preise bekommen wie z.B. den Musikpreis des Nordischen Rates im Jahr 2000. Für L’Amour de loin wurde sie mit dem Grawemayer Award 2003 ausgezeichnet, und 2005 erhielt sie die Pro-Finlandia-Medaille. Im selben Jahr wurde ihr vom finnischen Staat der Ehrentitel Künstlerprofessorin verliehen. Saariaho ist Ehrendoktorin mehrerer Universitäten.
Saariaho begann ihre Karriere in einer postseriellen Umgebung. Von dem Modernismus ihrer ersten Werke ausgehend hat sich ihre künstlerische Ausdrucksweise in Richtung einer originellen Vorstellung von Klangfarbe und Gesangsausdruck entwickelt, die faszinierende und sogar mystische Stimmungen erzeugt. Saariahos Musik ist wie ein unsere Schönheitsvorstellungen tief befriedigender aber fremde Elemente beinhaltender Gegenstand aus einer anderen Epoche. Obwohl wir nicht wissen, was dieser Gegenstand ist, wissen wir, dass er ästhetisch hochwertig und unschätzbar ist – ein geheimnisvolles Juwel, das wie ein Prisma leuchtet und schimmert, langsam den Bewegungen des Lichts folgend.
Translation: Ekhardt Georgi
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Kaija Saariaho
© Maarit Kytöharju / Fimic
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